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Ein Bild entsteht


„ Kunst ist das, was Welt wird,
nicht was Welt ist“
Karl Kraus

Es gehört zu den schier unausrottbaren Gemeinplätzen, daß Kunst Welt abbildet. Natürlich nicht einfach nur so, sklavisch getreu, obwohl selbst das mit klammheimlicher Bewunderung goutiert wird („Der beherrscht wenigstens sein Handwerk“), sondern selbstverständlich interpretierend verändert. Aber bitte nicht zu stark - schließlich habe - je nach weltanschaulicher Grundgestimmtheit - die Natur, der Allvater, die Evolution oder wer oder was auch immer das sinnstiftende Gesamtgerüst geschaffen, habe gleichsam das Copyright auf Kosmos und Kulturgeschichte, Akt und Aktion, Landschaft und Lokalkolorit, eben auf alles, was zum Themenkanon künstlerischer Auseinandersetzung gehört.Und jeder Eingriff, jede Veränderung hat - so der in der Regel unausgesprochene, gleichwohl kategorisch verinnerlichte Imperativ - diesem „Geist der Schöpfung“ (weniger emphatisch veranlagte Naturen nennen das eher „Realitätsgrad“) mehr oder weniger Rechnung zu tragen - künstlerischer Genius hin oder her.Das Diktum von Karl Kraus faßt diesen Sachverhalt in epigrammatischer Kürze zusammen und stellt zugleich die These auf, daß Kunst Welt - zumindest die künftige Welt - determiniert. Das ist kühn, wenn nicht vermessen, hieße es doch im Klartext, daß Künstler konstruktiv beitragen zum Zustandekommen künftiger Lebens- und Wahrnehmungsformen.Dennoch hat Kunst natürlich mit dem Ist-Zustand von Welt, erst recht jedoch mit der Vergangenheitsform zu tun, wie jeder Blick in jedes Kapitel Kunstgeschichte belegt. Und als Gegenwartskunst, als in der Ausformung befindliche, steht sie zwischen den Zeiten: schöpfend aus dem Gestern, eingebunden in die Wirrungen der Gegenwart, und der Zukunft verpflichtet.Auch Heinz Morszoecks Malerei ist unübersehbar in diesen Spannungsbogen zwischen Geschichte und Utopie eingewoben, was sich zuallererst an den figurativen Fragmenten aus Menschen, Dingen und räumlichen Situationen ablesen läßt. Denn diese sind es, die den nach Vertrautem, nach Wiedererkennbarkeit forschenden Betrachter zuallererst attraktieren, dem Auge und dem registrierenden Bewußtsein zumindest vordergründig Halt geben und in Windeseile ganze Assoziationsketten auslösen. Gesichter und Gestalten, Tiere und Meublement, Attribute und Symbole verfestigen sich zu locker zueinander in Beziehung stehenden Motivfeldern, schälen sich aus weithin abstrakt oder strukturell aufgefaßten Bildflächen hervor, gehen Vernetzungen ein, tauchen weg im Kontext der Farb- und Formbezüge, ziehen sich auf linear-stilisierende Kurvaturen oder graffitihafte Metaphern zurück.Immerhin werfen diese dingfesten Elemente so viele und so nachhaltige Bedeutungsanker aus, daß vertrauensbildende Hilfsbrücken zur interpretatorischen Durchdringung in Erscheinung treten: Gesichter erinnern an antike Wandmalereien, eine Beweinung Christi zeichnet sich ab, Totenschädel suggerieren Vanitas, eine Harfenspielerin läßt vage mythologische Zusammenhänge assoziieren, ein Papagei exotische Kontexte... Nicht zu reden von profaneren Elementen wie eine Lastwagenkarosse, eine Frau im Lehnstuhl, eine Baumgruppe. Und immer wieder auch zeitlose Topoi wie Akte oder auf körpersprachlich-essentielles verknappte Figurationen zwischen Andeutung in der Skizze oder malerisch herausgearbeitetem Erzählstück.Das ist - zumal in dieser Auflistung - auf den ersten Blick viel, verheißt erzählerische Anknüpfungspunkte. Dem ist aber nicht so. Morszoeck unterbricht diese angedeutete Erzählstruktur immer da, wo sich thematische Verbindlichkeit einstellen könnte. Oder anders formuliert: Offenheit und Vieldeutigkeit überwiegen. Die dinghaften Köder verlocken zwar in eine bestimmte Richtung, weisen Interpretationsansätze auf, offenbaren aber zugleich ihre Fallenstellerexistenz, weil sie einbinden in machtvolle, weit ausholende Kompositionen, die von freien Formen und reich durchmodellierten Passagen durchstimmt sind.Morszoeck weiß natürlich um die Symbolkraft solcher bildhaften Versatzstücke. Er weiß aber auch die Grenze zu wahren und sich von allzu beredter Inhaltlichkeit fernzuhalten. Mittel dazu ist ihm die Malerei, Malerei in ihrer ureigensten Form.






Als durchmodelliertes Farbereignis, als kompositorisches Gleichgewicht, das vordergründige Ausgewogenheit durch kontrapunktisch eingesetzte „Sollbruchstellen“ konstruktiv zu stören versteht, als artifizieller Kosmos, der eigenen, auf künstlerischer Setzung basierenden „Störfaktoren“ vertraut. Daß diese Eingriffe bildnerisch „Sinn machen“, wird freilich nicht auf den ersten Blick ersichtlich: Dazu ist zuviel Ruppigkeit und Sprödigkeit im Spiel, weist die Palette zu viele Brechungen und Zwischentöne auf, sind die Dingweiten zu lapidar, zu skizzenhaft oder zu ornamental eingebunden.Dazu bleiben zu viele Fragen unbeantwortet, verflüchtigen sich in der spontanen Handschrift, ziehen sich zurück hinter Schleier des Geheimnisses, die im Gegenzug zu immer neuen Deutungsversuchen herausfordern, Phantasie und Gefühl gleichermaßen provozieren, innehalten lassen, verlocken und verunklären, stutzig machen und satt, farb- und formtrunken und begierig.Hinzu kommt, daß alle Bilder durch eine Art kalligraphisches Kürzel im oberen Bildviertel gekennzeichnet sind. Eine nach unten offene Winkelform faßt zwei Kreissegmente ein, vereinnahmt rechts in ausholendem Schwung einen unregelmäßigen Fleck und steht wie schwebend über einer halbmondartigen, blautonigen Sichel, wobei diese Elemente nicht im starren Reglement zueinander durchvariiert werden, sondern sich im freien Spiel einer offenen Choreographie „ereignen“ - malerisch gebändigte Setzungen, die einen unübersehbaren Schwerpunkt in jedem Bild darstellen: Offene Fixpunkte, kompositorische Spielwiesen, zelebrierte Freiheit, malerische Syntax, poetische Kürzel - und noch viel mehr. Dieses Signet stiftet Bedeutung, indem es seiner Suggestivkraft vertraut. Es vereint heraldische Elemente mit ornamenter Schmuckfunktion, fernöstliche Kontemplation mit piktogrammhaften Anmutungen von Weltsprache, Märchenmetapher mit Künstlersignet, Markenzeichen mit Vignette. Und ist doch „nur“ frei empfundene und gemalte Form.Was selbst dem geduldigen Betrachter bleibt, ist konstruktive Verunsicherung, bestätigendes Infragestellen, irritierende Zustimmung, wohlwollende Verweigerung. Kurz: Wechselbäder aus Akklamation und Zurücknahme; eben ästhetisch durchstimmte Irritation.Um zum Karl-Kraus-Zitat zurückzukehren: Was uns stutzen läßt bei den Bildern von Heinz Morszoeck ist jener Grad der Abweichung von den vertrauten Realitätserfahrungen, den der Künstler ,,hinzuerfunden“ hat. Genau dieses begrifflich nicht faßbare Segment ist das, was die Chance hat, „Welt zu werden“. Nicht im Sinne eines pragmatisch umsetzbaren Weltentwurfes, sondern als spekulativer, allein den Sinnen und dem Assoziationsvermögen, der kreativen Phantasie vertrauender Weltentwurf. Als geistige Konkretion: realistischer faßbar gemacht durch Dreck - mit Bindemitteln auf Stoff fixiert. Dem Materialisten nichts wert und seine Wertigkeit allein aus der Übereinstimmung mit der Abweichung von der ästhetischen Norm beziehend.Eine weiterformulierte Stimmigkeit, geprägt von den Wirrnissen und Anwürfen einer Zeit, die vieles in Frage stellt, Welt fragmentarisch erlebt, aber dennoch immer aufs Neue nach dem Verbindlichen sucht, nach Sinnstiftung im scheinbar Unsinnigen, nach Haltepunkten, die die Realwelt offensichtlich nicht zu liefern vermag, nach Oasen im Nutzlosen, nach Biotopen des Freigeistes.Kunst ist eine „Machbarkeitsform des Möglichen“, wobei die Künstler das Mögliche nicht allein hypothetisch definieren, sondern sinnlich erfahrbar machen. Künstler erfinden Welt: In der Anschauung, die der begleitenden, umspielenden Reflexion des Betrachters bedarf, zugleich in der gedanklichen Durchdringung, die auf bildnerischen Vorwürfen beruht, ja von diesen ausgelöst wird.In diesem Sinne „macht“ Heinz Morszoeck Welt. Sein malerischer Mikrokosmos ist besonders da real, wo er sich von der erfahrenen Realität am weitesten entfernt. Er ist angedockt an der Erfahrung der vertrauten, der angeeigneten Realität. Er ist besonders ergiebig in den Zwischentönen, die sich in diesem Spektrum zwischen Dingwelt und Utopie in reicher Fülle auftun. Diese Zwischentöne sind malerischer Natur im besten Sinne. Sie streifen die Bindungen an die auslösenden Faktoren ab, überwinden Seh- und Wahrnehmungskonventionen und schreiben Grenzen fort. Sie sind Malerei pur. 

Klaus Flemming



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