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Ein Bild entsteht


Annäherung auf Krücken

Heinz Morszoeck betitelt seine künstlerische Arbeit mit dem Schlüsselbegriff "Pararealismus" und er trifft mit diesem Wichtigkeit heischenden Unwort voll ins Schwarze.

Denn die Vorsilbe "Para" kennt in unserer Sprache etwa ebenso viele Endungen, wie seine Bilder Deutungen zulassen:

Man denke an so verschiedene Dinge wie Paratrooper, also getarnte Luftlandetruppen, an Paralogistik, die Erkenntnis durch Irrtum, oder an die Parallele.

Was diese so unterschiedlichen Dinge im letzten eint ist die Gleichzeitigkeit, die sich bis zum lateinischen "par" – mit einem "a", es bedeutet: gleich – zurückverfolgen läßt.

Und unser Wort "Paar" – jetzt mit doppeltem "a" – bedeutet ja nach 2000 Jahren immer noch: gleichartig, auch im Sinne von gleichzeitig!

Und es ist dieses – Zugleich – das für das Verständnis der Kunst von Heinz Morszoeck von entscheidender Bedeutung ist.

Denn seine Bilder sind zugleich abstrakt und realistisch. Und diese Paradoxie – also gleich noch ein Para-Wort – ist bei Heinz Morszoeck: Programm!

Um aber diese Paradoxie verstehen zu können – was nicht ganz einfach ist, denn sonst wäre es ja keine – müssen wir zugleich in zwei verschiedene Richtungen schauen.

Zum einen tief in die Kunst – zum anderen tief in unseren eigenen Kopf hinein.

Und wenn wir nun zunächst einmal tief in die Kunst hineinsehen, was erblicken wir dort?

Große Fragen – und kleine Ungeheuer!

Wir nehmen jetzt nur eine von diesen ganz großen Fragen der Kunst – und die lautet:

Was ist ein Bild überhaupt?

Eine Darstellung,

eine Erzählung, oder

aber eine Behauptung?

Daß ein Bild eine Darstellung von Etwas sein sollte, das war einstmals ehernes Gesetz – bis die Abstraktion entdeckt wurde.

Daß ein Bild eine Erzählung sein sollte, das wurde einstmals ebenso verlangt – man denke etwa an die Historienmalerei. Nun sollte man genauso annehmen, daß die Abstraktion der Kunst das Erzählerische mit Stumpf und Stiel ausgetrieben hat – doch weit gefehlt:

Es feiert als "narrativer Gehalt" – das meint dasselbe – fröhlich Urständ.

Achten Sie beim Zuhören oder beim Lesen über Kunst mal auf diesen speziellen Ausdruck geistiger Kurzsichtigkeit: "narrativer Gehalt" – Sie werden erstaunt sein, wie oft er Ihnen begegnet!

Aber – und das ist mir wichtig – Bilder erzählen ja gar nichts, deshalb ist es auch in Ausstellungen auch so ruhig, sondern Bilder behaupten etwas!

Dieser kleine aber feine Unterschied ist von immenser Bedeutung.

Denn es war diese Erkenntnis, besser: diese Selbsterkenntnis, die die Kunst – und speziell die Malerei – mindestens so sehr vorangebracht hat wie die Abstraktion.

Dabei behauptet das Bild zunächst einmal: sich selbst als Kunstwerk – und damit als Krone der dinglichen Welt. Je wuchtiger diese Behauptung ist, desto bekannter der Maler und desto höher – meistens – sein Marktwert.

Aber es geht beileibe nicht nur ums Geld!

Diese Selbstbehauptung ist deshalb so wichtig, weil sie das Gemälde zum einen aus

der immensen Bilderflut unserer Zeit heraushebt, in dem es sonst versinken würde, und zum anderen weil jedes gemalte Bild in der großen Tradition der Malerei steht –und diese fortschreibt.

Und erst nach dieser Selbstbehauptung – im Sinne einer Nachrangigkeit – ist dieses Bild auch eine Behauptung über etwas – also etwa über das Bildthema.

Sie warten schon auf die "Kleinen Ungeheuer", die ich oben erwähnte?

Hier sind sie: Man nennt sie Chimären.

Das sind jene Geschöpfe aus dem Reich der Malerei, die als Gesichter und Gestalten dem Bildbetrachter dort begegnen, wo doch eigentlich gar nichts ist. Plötzlich starrt einen die eine oder andere Stelle eines Bildes an und man fragt sich unwillkürlich: hat die Chimäre nicht vielleicht gerade mich gesucht?

Diese Chimären sind: Zwischenraumgespenster, die irgendwo zwischen der Oberfläche der Farbe und der Tiefe des Bildes nisten.

Sie lassen sich nicht fliehen, ja bei entsprechendem Lichteinfall tauchen sie selbst aus monochromen Bildern auf. Viele Maler fürchten sie, andere versuchen sie herbeizumalen, wie etwa Richard Oelze – einer der wenigen deutschen Surrealisten.

Und dann gibt es Maler, die sich lustvoll auf das Spiel mit den Chimären einlassen –und zu diesen gehört Heinz Morszoeck.

Sein Spielvorteil als Maler ist das, was ich den figurativen Blick nenne – und man kann ihn als die natürliche Autorität besonders dieses Malers ansehen.

Die Wirkung eines Kunstwerkes als ästhetischer Impuls – und das trifft gerade auf diese Bilder zu – realisiert sich bekanntermaßen (erst) im Auge des Betrachters.

Nun kann der Mensch vielleicht abstrakt denken, aber er sieht nicht abstrakt!Denn es ist eine anthropologische Konstante, daß wir unbekannte Anblicke – und dazu gehören bis dato ungesehene Bilder allemal – quasi automatisch mit figurativen Interpretationsmustern abtasten und interpretieren.

Diesen angeborenen Automatismus, den wir intellektuell nicht völlig unterdrücken, geschweige denn vergessen können, macht sich der Maler Heinz Morszoeck zunutze um den Betrachter wie auf einer Leimspur ins Bild zu ziehen.

Aber – machen wir diese Bewegung – wenn wir können – bitte selber.

Wir haben ja jetzt zwei Krücken für die Begehung des malerischen Werkes.

Die eine Krücke, das ist unser eigener figurativer Blick – auf die können wir uns fest verlassen, die andere ist etwas wackeliger – es ist die Beständigkeit des Hin und Her von Abstraktion und Figuration.

Wenn wir uns dann also auf den Weg in diese Kunst hinein machen, so erkennen wir zunächst das offensichtlich spielerische Moment von Farben und Formen in den Bildern. Heinz Morszoeck spielt in seiner Kunst aber nicht nur konzentriert mit seinem ölfarbigen Material, sondern er spielt vor allem lustvoll mit der Sehfähigkeit der Betrachter.

Denn die figurativen Elemente, die wir in seinen Bilder finden – zumeist ganz alltägliche Dinge, Tiere und Menschen – sind bloß die Angelhaken, mit denen der Künstler den Betrachter ins Werk hineinzieht.

Ist er dort – im Werk also – dann mit seinem Blick angekommen, so hat er sich bereits im malerischen Gestrüpp des Bildes, zwischen Abbild und Behauptung, verfangen.

Dies ist durchaus wörtlich zu nehmen, denn die Kunst des Heinz Morszoeck lebt von einem durchaus urwäldischen Arbeitsprinzip – und davon zeugt nicht nur seine Farbpalette!

Der Künstler überzieht die Leinwand im Malprozeß zunächst mit abstrakten Zufälligkeiten – die offensichtlichsten sind die Farblaufspuren – und lauert dabei quasi darauf, daß sich figurative Möglichkeiten andeuten – dies ist die Chance der Chimären. Sie zieht er dann malerisch hervor und fixiert sie gustometrisch in der Bildkomposition. Dabei spielt er virtuos mit und in den von ihm geschaffenen Bildräumen – indem er – etwa durch das Einbringen von Streifen – ein Wechselspiel von vorne nach hinten und zurück initiiert, das den Betrachter aus seiner eigenen Realität heraus und in die Bildwirklichkeit des Künstlers hinein bringt.

Das genau ist die verführerische Qualität dieser Malerei! Sie zieht den Blick beinahe hypnotisch auf sich, sie erzeugt eine eigene, ja autonome Bildwirklichkeit, ohne das Bild letztlich zum Abbild von etwas zu machen, das man gänzlich verstehen könnte.

Denn in fast allen Bildern von Heinz Morszoeck lassen sich die figurativen Bruch- und Versatzstücke – im Sinne des Wortes – die sich den Betrachtern visuell anbieten, nicht zu einem vollständigen figurativen Abbild, oder einer Szenerie, zusammensetzen.

Immer scheint etwas Reales zu fehlen oder etwas Irreales tritt hinzu, ja die Kompositionen wuchern häufig eigenkreatürlich über die Leinwand und lassen die figurativen Realien wie ein zutiefst malerisches Echo der Welt erscheinen.

So erweist sich sein Para-Realismus letztlich als das was er ist: die pure Täuschung.

Das ist die surreale Kraft, die in den Bildern von Heinz Morszoeck steckt. Sie vermag es nicht nur, jedem Betrachter quasi sein eigenes Bild zu verschaffen, sondern darüber hinaus immer wieder neue Sichtweisen ein und desselben Bildes zu erzeugen, wenn man bereit ist – und sich die Zeit nimmt – sich auf dieses Bilderspiel einzulassen.


© Adolf H. Kerkhoff 2008



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