Idenity Graphic
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Ein Bild entsteht


Vielleicht ist in der Mitte ein Ornament?

Es gibt viele Formen des Zeitanhaltenwollens. Die Vorstellung der angehaltenen Zeit liefert für neue Gelegenheiten eine hilfreiche Entscheidungsgrundlage. Eine Entscheidungssituation im Bild zu vergegenwärtigen, ermöglicht es, beim nächsten Mal unter Berücksichtigung vielleicht zusätzlicher Perspektiven zu handeln. Doch was würde es helfen, ein Bild von "Eurydike im Entschwinden" zu besitzen, wenn gerade der Blick auf sie die Ursache für ihr unwiederbringliches Entweichen war?

Maler versuchen mit Still-Leben die Zeit still zu halten. Sie arrangieren Krüge, Vasen und Früchte, um das Leben lautlos zu machen. Heute ist die Welt mit "Medien" vollgestellt und die Fang- und Empfanggeräte ersetzen das, was man einmal Dinge nannte. Zwischen der ungekochten Natur und der Verzehrlust des Menschen hat sich das Medium eingerichtet und gestaltet sich wie ein "Ding ansich".

Angesichts der ständigen Bedrohung durch die Dinge, die es nicht mehr gibt, wird der Mensch "alert" und schickt all seine Fähigkeiten an die Oberfläche, um jederzeit bereit zu sein. Innehalten wird daher zu einem schwierigen Unterfangen, denn wo ist noch innen? Wie soll man noch innen und außen charakterisieren, wenn schon beim Wohnen das Äußerste vom Fernseher im Innersten und nicht über die Innen-/Außengrenze des Fensters oder der Tür erfahren wird?

Ist das Gehirn der letzte Zufluchtsort für unsere innenarchitektonischen Wünsche, durch die Schädelkapsel abgeschirmt sogar gegenüber unserem eigenen Betasten? Man ist sich noch nicht so recht einig, ob man den Selbstbezug als Bezug auf das eigene Gehirn denken soll: Mal Hirn, mal nicht Hirn. Aber dies ist wohl nicht die hervorragende Bedeutung des "Mal-Hirns". Unser Denken will sich frei bewegen und möchte nicht an einen festen Ort gebunden sein. Alle Technologie ist Versuch, über den festen Ort hinauszureichen und mit Fernrohr und Mikroskop öffnete sich der Mensch Welten, die ihm ungeahntes Umherschweifen gestatten würden, würde er auch hier nicht wieder anstelle des Raumes und der Dinge die technischen Mittel zu ihrer Eröffnung (bzw, auch Eroberung) als Medien in den Vordergrund für die eigene Deutung treten lassen. Der Fernrohrgucker ist zum Bild der Moderne geworden: Auf der einen Seite des Rohres das Subjekt, auf der anderen das Objekt. Die Bestimmung des eigenen Standpunktes ist damit natürlich nur eingeschränkt möglich. Die Abwehr gegen neue Meßtechniken ist erheblich. Es ist der Sextant, mit dem man seinen eigenen Standpunkt bestimmen kann. Bestimmt man den Sternenwinkel am Horizont von zwei verschiedenen Orten aus, so weiß man, wo man sich zuvor befunden hat (dann aber auch, wo man sich jetzt befindet). Berthold Brecht mokierte sich in seinem Galilei-Stück darüber, daß die Kardinäle nicht ins Fernrohr schauen wollten, um den Sachverhalt der Dinge zu erkennen. Thomas Pynchon würde sich darüber wundern, daß die Moderne nicht bereit ist, einen Sextanten zu benutzen, um den eigenen Standort zu erfahren.

Der Mensch hat sich an das Spielen mit dem Fernrohr gewöhnt und Sigmund Freud deutete die menschliche Psyche nach dem Modell des Mikroskops. Kein Wunder, daß der Einfluß der neuen Medien mit dem Begriff der Virtualität, das einen Vorgang im Meßrohr des Mikroskops und Fernrohrs bezeichnet, nicht ausreichend eingefangen werden kann. Es wird Zeit, daß man anfängt, mit dem Sextanten zu malen: Auch der Ort, an dem ich mich befunden habe, ist vielleicht ein Ornament.

Manchen erscheint in den Freiheiten des Geistes, der Kognition und des Denkens das Gehirn wie ein Knoten, zu dem man zurückkehren muß, wie zu einem Trauma. Muttermal oder Ichmal der Unendlichkeit, das Hirnmal werden wir nicht loswerden, vielleicht wäre es besser, in ihm selber die Unendlichkeit zu finden.

Sind die weißen Flecken auf der Landkarte der Erde beseitigt? Die Geographen würden sagen ja, die Hirnforscher würden auf dieser Erde jedoch noch ca. 6 Milliarden uneingefärbter Globen von ca. 15 cm Durchmesser veranschlagen. Die Oberfläche des Gehirns bestimmen sie mit 2 qm, einer Fläche, die der durchschnittlichen Bildgröße der Maler entspricht, die mit den Hirnforschern die Färbelust der "bildgebenden Verfahren" teilen. Grün ist des Lebens goldener Baum, doch die theoretischen, veranschaulichten Gegenden der Naturwissenschaften sind nicht grau, sondern besitzen oft präzise Farbabstufungen bei der Bestimmung der kognitiven Zustände in einem durch funktionelle Magnetresonanztomographie untersuchten Gehirn.

Die Präzision der Zuordnung der Farben zu bestimmten kognitiven Zustände wird allerdings durch eine Art Grauschleier gewährleistet, auf dem die projektive Abbildung eingezeichnet ist.




Der Maler jedoch öffnet die Farbe zur Farbe, d. h. zum Widerspruch. Wie viele schöne Grauabstufungen es gibt, das haben wir von den Künstlern gelernt. Aber wie schön wäre es, wenn auch Theorien einmal farbig sein könnten! Wenn im Gestell der Gedanken Blütenkränze hingen oder das Gestänge von der Himmelsbläue lachend verschluckt würde! Die Hirnforscher haben gerade gezeigt, daß die Erinnerung an eine Wahrnehmung die gleichen Hirnzentren beansprucht, wie die ursprüngliche Wahrnehmung selber. In beiden Fällen wird das primäre Sehareal (V1) aktiviert. Der Vorgang des Wiederholens muß allerdings auch zur Aktivierung anderer Hirnregionen führen, die bei den bildgebenden Verfahren der funktionellen Magnetresonanztomographie aufgrund der eingestellten Schwellenwerte allerdings nicht zur Ausprägung kommen. Gehört das Wiederholen des Gedankens zum Gedanken selber? Gibt es für einen Gedanken einen Zeitpunkt, auf den man mit einer Hirnforschungsmaschine zielen könnte? Oder ist ein Gedanke eine Figur, die unendliche Bewegungen durch die Geschichte tanzt? Die Psychologen in den Hirnlabors legen sich unter die Computerkameras, um sich beim Denken zuzuschauen und dieses Zuschauen vom Spin-Modulator betrachten zu lassen.

Die Veränderungen der eigenen Wasserstoffatome im Magnetfeld färben Denkprozesse und die Veränderungen der damit einhergehenden Resonanzzustände führen zu Darstellungen der geistigen Landkarte. Anders als der schwierige Vorgang, ein Bild in schichten zu übermalen, kann sich das Gehirn (zumindest in der Darstellung) immer aufs Neue einfärben.

Das Gehirn ist Mal-Hirn, insofern es das verbleibende Mal des verschwindenden Körpers ist. Alles Malen geht von dieser letzten Form- und Farbbewahrung aus. Vielleicht malt man, um das Mal auszulöschen. Doch das Subjekt treibt nicht wie ein leeres Faß auf dem Malstrom der Zeiten, sondern birgt einen Inhalt, der nicht nur gärt, sondern auch wechselt. Das Treibgut der Tage, bei Heinz Morszoeck in wunderbarem Goldgelb aus den Fluten herausragend, trägt in sich ein Zeichen. In allen seinen Bildern, farbkräftig, als ob sie nie verwaschen könnten, findet sich ein Doppelrand und in ihm ein Halbbild, dessen oberer Teil so etwas wie 2 Fische zu erkennen gibt, der eine erahnbar an der Spur, die er auf einem blauen Grund hinterläßt. Sein Bild im Bilde weist den Gedanken ab, dass bildliches Denken nicht über sich selber reflektieren könnte. Dies war lange Zeit der Grund für die Bevorzugung des Spiegels als Metapher für die Selbsterkenntnis. Doch kein Spiegel gibt hier die Leerstelle für den Betrachter wieder, der sich zwischen den durchaus königlichen Gestalten wiederfinden möchte. Im Spiegel sitzt bereits ein Ornament, das Subjekt hat schon eine Struktur. Eine derartige Optik gibt natürlich die geheimen Träume des Hirnforschers wieder, der nach Isomorphien zwischen Gehirn und Gedanke und nicht nur nach Brechungen und Reflektionen sucht.

Die wechselnden Farblandschaften des Gehirns durchziehen auch jenen Rahmen, in welchem sich das Subjekt abgrenzen möchte. Der untere Teil des Innenrahmens bleibt unvollständig, dort wo in "Las Meniñas", der Darstellung der Hofdamen von Velasquez das Subjekt seinen Ort im Bilde findet, wird ausgemalt, aber nicht abgegrenzt. Anders als bei den Formalien des Hofstaates fehlt bei Morszoecks eher erotischen Motiven die strenge Abgrenzung des "Subjekts".

Wie lange haben wir ein Bild im Kopf? Es ist kaum meßbar und doch ist diese Frage darüber entscheidend, welche Muster wir bei der Untersuchung des Gehirns im psychophysiologischen Experiment der Bildwahrnehmung oder Bildvorstellung finden werden. Eine 10tel Sekunde mehr für die Hirnbelichtungszeit und eine ganz andere Landschaft tut sich auf. Nicht anders beim Malen. Etwas gezögert und schon fügt sich ein Ornament hinzu oder ein Teil der Präsenz des Körpers entschwindet. Morszoecks Bilder sind Studien zur Zeit an den Rändern des endenden oder schon beendeten Moments. Hier auf der Grenze des Moments gemalt nimmt alles seinen Ausgang und läßt sich zugleich auch nicht entscheiden, da es die minimale Schnittstelle der Entscheidung selber ist. Wurde die angedeutete Beschneidung zu zaghaft ausgeführt oder kommt die unstillbare Sehnsucht nach Leere als um so stärkere Farbe zurück? Noch eine Weile werden wir den Baum malen wollen, unter dem wir die Erfahrung der Leere machen. Dies insbesondere dann, wenn eine Frau (in diesem Fall sehr schön) die Herrin der Bilder und damit auch des Entschwindens ist. Eine Herrschaft, die in der Staffelung ("Staffelei") der Wirklichkeiten vom Maler nur nachvollzogen werden kann.



Prof. Dr. Med. D. B. Linke
Neurologische Universitätsklinik Bonn



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